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Gedanken über den Tod

Wie wir über den Tod denken, ändert sich fortwährend, je nachdem wen der Tod in unserem Gedanken trifft. Sind wir es selbst, die oder der Liebste, unser eigenes Kind? Aber egal wen der Tod ereilt, wir werden alle eines Tages sterben und so ist der Tod realer Bestandteil unseres unbewussten Seins.

vor 23 Tagen

Neuster Beitrag Gedanken über den Tod von Tim Buening public

Dieser Text ist inspiriert von Sam Harris wundervollen Video-Essay über den Tod. Thank you a lot, Sam, for your great thinking and effort in making us think more and maybe better.

Heute geht es um ein Thema, über welches wir alle nur ungern nachdenken, jedoch am meisten darüber denken, wenn wir versuchen, es zu vermeiden: den Tod.Und wie wir über den Tod denken, ändert sich fortwährend, je nachdem wen der Tod in unserem Gedanken trifft. Sind wir es selbst, die oder der Liebste, unser eigenes Kind? Aber egal wen der Tod ereilt, wir werden alle eines Tages sterben und so ist der Tod realer Bestandteil unseres unbewussten Seins. Zudem spielt der Tod eine nahezu allgegenwärtige Rolle: in den Nachrichten über Kriege, mitten in einer Pandemie oder durch seitenweise Sterbeanzeige in der Zeitung. Wir alle können tagtäglich mitverfolgen, wie Hunderte Menschen sterben. Und in Fakt sterben pro Sekunde weltweit 2 Menschen.

Das sind, seit du begonnen hast, diesen Text zu lesen in etwa schon 30 und wenn du fertig sein wirst, werden etwa 300 Menschen gestorben sein. Und trotz all dem oder gerade wegen all dem erbringen wir einen Großteil unserer Zeit am Tag mit der Aufgabe, dem Tod ein Stück weiter entfernt zu sein. Alltägliche Dinge wie Hygiene, Ernährung, aber auch ein Dach über dem Kopf und ein Staat, der für unsere Sicherheit garantiert Scheinen eigentlich nebensächlich, sind jedoch so existenziell dafür, dass die Wahrscheinlichkeit, das du morgen noch leben wirst, deutlich höher ist als die eines Menschen, der all diese Dinge nicht hat.

Aber auch gedanklich sind wir weit vom Tod entfernt, jedoch wohl sehr unbewusst. Während Menschen, die sich in all den eben beschriebenen Sicherheiten wiegen können, kaum an den Tod denken müssen, weil er für sie physisch nicht so nah ist, müssen Menschen, die all die Vorzüge unserer entwickelten Welt nicht haben, nahezu täglich daran denken, morgen genug Essen zu haben und ob der Weg in die dunkle Gasse da vorn das vorzeitige Ende bedeutet oder nicht.

Wir können uns hier mit teilweise banalen Ablenkungen vom Tod ablenken. Sei es durch Social Media, Katzenbilder oder stundenlanges Telefonieren mit den besten Freunden und Freundinnen. Manche verbringen ganze Tage mit “sinnlosen” Erledigungen, die alle nicht wirklich den Sinn haben, dem Tod davonzurennen. Und dennoch tun wir sie nur, um nicht wieder den "Hunger" am Folgetag fürchten zu müssen.

Aber auch all die Dinge, die deine Aufmerksamkeit oder Sorgen erregen, beschäftigen dich so sehr wie mich meine. Ich bin in den letzten Tagen viel mein Fahrrad gefahren, ein neues Gravelbike, quasi eine Art Rennrad für unbefestigte, nicht-asphaltierte Wege und meine ehrenamtliche Arbeit verlangt derzeit viele Gedanken von mir. Allein die Aufgabe, mir Gedanken zu machen, wie künftige Grafikerzeugnisse einer Partei aussehen könnten, erfordern in den letzten Tagen etwa 10 Stunden Arbeit und Aufmerksamkeit. Und zu allem Überfluss will ich jetzt noch diesen Text hier schreiben. Inzwischen übrigens etwa 190 Tote.

Aber wir können auch nervige oder langwierige, schwierige Aufgaben mit einer Art Leichtigkeit sehen, wie Sisyphus es schon tat, der sein Leben lang einen schweren Stein einen Berg hinauf schieben musste. Kurz bevor er oben ankam, rollte der Stein wieder herunter und er musste von vorn beginnen. Am Anfang störte ihn das natürlich maßgebend. Aber mit der Zeit lernte er seine Aufgabe in diesem Leben zu lieben.

Nun ist dieses Beispiel sehr metaphorisch und irgendwie nicht sehr stylish. Hat er doch außer dem Stein nichts anderes geschoben oder erlebt. Aber die Kernaussage ist ja gut rübergekommen, denke ich. Wir können eben Stunden damit verbringen, die Grafikvorlage für Social Media Bilder anzufertigen, die eigentlich keinen wirklichen Mehrwert für diese Welt haben werden und uns dabei dennoch vollkommen gut fühlen. Denn es geht weniger um die Qualität des Moments selbst, sondern nur, wie wir seine geschlossene und beschränkte Quantität begreifen. Wenn diese Grafikvorlage – mist, ich sollte langsam wirklich diese Vorlagen fertigmachen – meine allerletzte Aufgabe sein sollte, sollte ich sie dann nicht genießen? Irgendwie? Weil ich einfach nicht wissen kann, wie viele noch darauf folgen werden?

Eine solche Einsicht kann eine moralische Klarheit hervorbringen, dank derer wir nicht zu wütenden, aufschreienden Menschen werden, nur weil uns jemand, den wir gar nicht kennen, einen Mittelfinger gezeigt hat. Stell dir vor, du gehst spazieren und wirst von einem unaufmerksamen Radfahrer, wie ich es manchmal vielleicht auch bin, geschnitten. Ob Absicht oder nicht, ganz egal. Du regst dich auf, “wie kann man nur so blind und blöd zugleich sein?!” Kommt dir in den Kopf und am liebsten würdest du mich vom Rad zerren. Aber du kennst mich nicht. Du weißt nicht, wie gedankenverlegen ich gerade war. Vielleicht komme ich gerade vom Krankenhaus zurück, in welchem soeben ein Freund verstarb. Oder meine Partnerin.

Das kannst du nicht wissen. Ebenso wenig, wieso die Kinder im Zug oder Flugzeug nicht aufhören wollen zu schreien. “Entschuldige, dass meine Kinder so laut sind, wir kommen gerade aus dem Krankenhaus, in dem ihre Mutter gestern verstarb”. Nun fühlt sich die Wut gar nicht mehr so gut an. Und meine Sorgen, oder die der nervenden Kinder im Bus oder Flugzeug, sind eigentlich auch nicht viel anders als deine eigenen.

Aber wenn du dir meinen Rat zu Herzen nimmst, immer an die Kürze und Vergänglichkeit all dieser Momente zu denken, wirst du dir bewusst werden, dass eine so tiefe emotionale Angriffsfläche von dir selbst gar nicht schlau ist. Und wenn du dir dann vor Augen führst, dass du sterben wirst, sehr bald schon und alle anderen ebenfalls. In wenigen Momenten, verglichen mit den unendlichen Momenten des Universums selbst, sind alle tot.

Du hast diesen einen Moment. Du weißt nicht, wie viele darauf noch folgen werden. Das können wir alle nicht wissen. Diesen einen wundervollen, lebenswerten Moment, der nicht gedämpft wurde durch Morphium im Krankenbett an einem deiner letzten Tage. Und ob die Sonne scheint, oder es regnet – beides wunderschön. Denn es ist ein Moment mehr, den du leben darfst. Erleben kannst und erleben sollst. Egal wie oft du etwas tust, es wird der Tag kommen, an dem du es zum aller Letzten mal getan haben wirst. Du hattest tausende Möglichkeiten, deinen Liebsten zu sagen und viel wichtiger zu zeigen, wie wichtig sie dir sind. Wie sehr du sie liebst. Und du wirst so viele Momente davon nicht genutzt haben.

Du hast diese eine Interaktion mit einem anderen Menschen. Egal, ob jemand auf einem Fahrrad dich geschnitten hat, dir im Fahrstuhl begegnet, oder dein Freund gleich nach Hause kommt. Du hast diesen einen Moment um die Welt, in der wir alle leben, ein Stück besser zu machen. Diesen einen Moment, dich in deine Existenz, deine Rolle auf dieser Welt zu verlieben. Und wirklich entspannt und relaxed zu sein, trotz all dem Mist, der dir oder anderen jetzt gerade passiert.

Sogar unter der Tatsache, dass die Uhr tickt und du nicht weißt, wie viel Zeit dir noch bleibt, kannst du versuchen, entspannt und verliebt in dich selbst zu sein und deine nächsten Momente schöner und noch aufregender zu machen als jemals zuvor. Ändere die Regeln des dir gegebenen Spieles oder spiele es nach den Regeln, erfinde einfach neue. All das ist deine Entscheidung. Und egal, was du tun wirst, denk daran: Die Gewissheit eines Tages zu sterben ist die Tür in eine friedliche, einfache und entspannte Richtung auf dieser Welt, um du selbst zu sein und sein zu können.

Tim Buening

Veröffentlicht vor 23 Tagen